Fastentagebuch

ein Erfahrungsbericht

April 2021

Teil 1 von 2

Fasten. Das ist für mich Einkehr, eine Innenschau. Ich gönne mir und meinem Körper eine Pause. Eine Pause von der Welt. Eine Pause vom Durcheinander da draußen. Eine Pause vom vielen Essen und Snacken. Meinen Körper wieder intensiver spüren. Verzicht spüren – das haben wir doch schon lange verlernt in unserer Welt des Überflusses. Ich nehme mir Zeit für mich. Gehe ins Fühlen, weniger ins Tun.

Dies ist mein Fastentagebuch. Im April 2021 haben Sebastian und ich gemeinsam gefastet. Für das klassische Heilfasten nach Buchinger bin ich zu dünn. Ein BMI < 18 kg/m2  ist für das Heilfasten kontraindiziert. Daran halte ich mich, da ich mir der vorhandenen Nebenwirkungen des Fastens durch meine lange Tätigkeit in einer Klinik für Naturheilkunde sehr bewusst bin. Ich fastete modifiziert. Das bedeutet, dass ich rund 500-600 kcal pro Tag zu mir nehme. Dies geschieht in Form von Haferbrei, gedämpften Kartoffeln und Gemüse, sowie frischen Gemüsesaft. Meine täglichen Mahlzeiten mit Kalorienangaben seht ihr an jedem Tag aufgelistet. Sebastian fastete klassisch nach Buchinger mit Gemüsesäften und -brühe. Zum genauen Ablauf und weiteres Informationen über das (modifizierten) Heilfasten, lest gern hier. Während des Fastens habe ich nicht gearbeitet, auch Sebastian hatte frei. So konnten wir uns voll und ganz auf die Fastenerfahrung einlassen.

WICHTIG: Wenn ihr auch mit dem Gedanken spielt zu fasten, holt euch im Vorhinein professionellen Rat bei eine:r Fastenleiter:in oder einer/m fastenerfahrenen Ärztin/Arzt. Das ist enorm wichtig, denn Fasten ist ein krasser Einschnitt in unseren Stoffwechsel. Falsch ausgeführt kann es zu mittel- bis langfristigen Folgeschäden kommen. Ihr tut Euch selbst einen gefallen, wenn Ihr beim Fasten eine:n professionelle:n Ansprechpartner:in habt!

Entlastungstag, 07. April 2021

Mahlzeiten:

Frühstück:

150 g Haferbrei

½ Birne

ca. 310 kcal

Mittagessen:

150 g Reis

150 g gedünstetes Gemüse (Fenchel, Kohlrabi, Spinat)

1 EL Olivenöl

ca. 360 kcal

Abendessen:

Gemüsebrühe

+ 100 g Kartoffeln

+ ca. 50 g Gemüseeinlage (Karotte, Pastinake)

ca. 105 kcal

Tagebucheintrag:

morgens

Ich wache schon morgens mit Kopfschmerzen im Bereich der Stirn auf. Ist das schon der Kaffeeentzug? Habe den letzten Kaffee vor vier Tagen getrunken… Nun gut, aufstehen und erstmal die Stirn unter kaltes Wasser halten (= kalter Stirnguss). Das hilft. Zum Frühstück gibt es Haferbrei und eine halbe Birne. Ist schon eine deutlich kleinere Portion als ich sonst esse, aber halb so wild. Ich bin ja motiviert für’s fasten, denke ich.

mittags

Das Mittagessen ist super „clean“: Nur Reis und gedämpftes Gemüse mit einem Esslöffel Olivenöl. Kein Salz, kein Nichts. Dafür schmecke ich umso mehr vom Gemüse und erfreue mich an dem süßlichen-milden Geschmack des Fenchels, dem gedämpften Kohlrabi und dem leckeren Spinat. Aber ehe ich mich versehe, ist das Essen leer. Mein Magen gefühlt auch noch. Mein Kopf dröhnt immernoch. Ein Stück Schokolade und ein Kaffee – das wäre jetzt schön. Stattdessen lege mich hin. Ich schlafe circa eine Stunde, fühle mich danach aber immernoch matt. Wenn dieser Zustand während der gesamten Fastenwoche anhält, kann ich mit mir nicht viel anfangen, denke ich… 

Am Nachmittag gehen Sebastian und ich im Park Babelsberg spazieren. Wir laufen einige Hügel rauf und runter, insgesamt ist es aber ein milder Spaziergang. Trotzdem merke ich, wie müde ich bin. Meine Beine sind schwer, mir ist schwindelig. 

abends

Zu Hause angekommen machen wir uns schnell Abendessen. Sebastian versackt danach auf dem Sofa und schläft verfrüht ein. Mir gibt das Essen genug Energie, noch einige Dinge im Haushalt zu erledigen. Dennoch: Fit ist anders. Ich lege mich ins Bett. Sebastian kommt dazu und sagt „Wenn wir uns den Rest der Woche so fühlen, kann ich nicht lang fasten“. Aber gut, jetzt erstmal schlafen.

1. Fastentag, 08. April 2021

Mahlzeiten:

Frühstück: 

100 g Haferbrei

200 ml Gemüse-Obstsaft (Rote Beete, Apfel, Möhre, Ingwer)

½ EL Rapsöl

ca. 250 kcal

Mittagessen:

120 g gekochte Kartoffeln

150 g gedämpftes Gemüse (Fenchel, Sellerie, Kohlrabi)

½ EL Olivenöl

ca. 200 kcal

Abendessen:

200 ml Gemüsebrühe

+ 180 g gedünstetes Gemüse (Kartoffeln, Pastinake, Fenchel, Sellerie)

ca. 90 kcal

+ 2-3 Liter Kräuter-Tee/Wasser

Tagebucheintrag:

morgens

Ich stehe morgens fit und leicht auf. Fühle mich viel besser als gestern morgen. Ab heute möchte ich meine Fasten-Morgenroutine etablieren und fange direkt damit an: Ölziehen, dann Zähneputzen. Der Mund ist nun sauber. Dann die morgendliche Nasendusche (in der Pollenflugzeit Gold wert!). Es folgt das Trockenbürsten. Eigens dafür habe ich mir, wie viele der Patient:innen, die ich betreut habe, eine Trockenbürste mit Naturborsten gekauft. Ich bürste also meinen Körper von der Peripherie hin zum Herzen in strichförmigen Bewegungen ab. Das fühlt sich irgendwie angenehm an. Aber wirklich anregend ist es nicht. Die Nasendusche war ein größerer Kick… In der Küche wartet schon das Gemüse auf mich: Ich presse aus zwei Roter Beete-Knollen, einem Apfel, drei Möhren und einem kleinen Stück Ingwer einen Saft für Sebastian und mich. Das ergibt circa 700 ml, die für uns beide heute reichen. Ich schiebe eine kleine Yogasession mit drei Sonnengrüßen ein. Mein Körper fühlt sich leicht an.

Zum Frühstück koche ich mir Haferbrei, den ich mit Zimt toppe. Dazu gibt es den 200 ml von dem frisch gepressten Saft mit einem Esslöffel Rapsöl. Beim Löffeln des Haferbreis merke ich, wie warm es im Bauch wird und habe fast Bedenken, diese Wärme nun mit dem Saft „abzulöschen“. Den Saft versuche ich ganz achtsam zu konsumieren. Ich sehe seine rote Farbe, rieche sein erdiges Rote-Beete-Aroma, sehe wie das Rapsöl auf der Oberfläche schwimmt. Nun löffel ich den Saft mit einem Esslöffel und lasse ihn dabei sanft im Mund zergehen. Für jeden Esslöffel Saft lasse ich mir gute 10 Sekunden Zeit. Das Frühstück bekommt mir außerordentlich gut und mein Bauch fühlt sich wohlig gefüllt an. 

mittags

Sebastian und ich legen einen Vormittagsspaziergang im Wald ein. Der kalte Wind braust uns um die Ohren. Es ist bewölkt, zwischendrin hagelt es kleine Eiskörnchen. April eben. Meine leichten Kopfschmerzen verschwinden im Wald. Zuhause angekommen setzt Sebastian sich seine Gemüsebrühe an. Ich koche mir Kartoffeln und dünste mir Gemüse. Das Essen tut gut. Ich merke danach meinen vollen Bauch. Sebastian und ich legen uns in unseren Leberwickel* und schlafen dabei ein.

Am Nachmittag fühle ich mich gut, der Kopf drückt wieder etwas.  Wir erledigen noch einige Fasteneinkäufe, da wir für Sebastians Säfte doch mehr Gemüse brauchen als anfänglich gedacht. Im Biomarkt muss ich mich konzentrieren an all den leckeren Dingen einfach vorbeizugehen. Einfach schnell in die Gemüseabteilung: Zucchini, Fenchel, Mangold, Karotten und Rote Beete landen im Einkaufskorb. 

*Die Durchführung eines feuchten Leberwickels wird beim Heilfasten empfohlen, um die Leber in ihrem vermehrten Stoffwechsel zu unterstützen.

abends

Zum Abend gibt es eine Gemüsebrühe mit gedämpften Gemüse. Ich sehne mich im wahrsten Sinne nach dem Salz in der Suppe. Aber vielleicht schmecke ich gerade durch das fehlende Salz die feinen, süßen Nuancen der Brühe. Während des Essens fühle ich mich schwach und stelle mir vor, dass die Brühe mir Kraft gibt. Das hilft offenbar, denn hinterher bin ich gestärkt. Erledige noch ein, zwei Dinge im Haushalt und lasse dann den Abend ruhig mit 45 Minuten Yin-Yoga ausklingen. 

2. Fastentag, 09. April 2021

Mahlzeiten:

Frühstück: 

100 g Haferbrei (enthält 25 g Haferflocken)

200 ml Gemüse-Obstsaft (Rote Beete, Apfel, Möhre, Ingwer)

ca. 190 kcal

½Mittagessen:

100 g Haferbrei (enthält 25 g Haferflocken, 1 Messerspitze Curcuma und Pfeffer, ½ TL TK-Kräuter)

45 g gedünstetes Gemüse (Zucchini, Fenchel)

100 ml Karottensaft

1 TL Olivenöl

ca. 190 kcal

Abendessen:

200 ml Gemüse-Obstsaft (Rote Beete, Fenchel)

100 g Kartoffeln

100 g gedünstetes Gemüse (Zucchini, Kohlrabi, Mangold)

ca. 200 kcal

+ 2-3 Liter Kräuter-Tee/Wasser

Tagebucheintrag:

morgens

Ich schlafe unruhig, habe wirre Träume. Morgens fühle ich mich matt. Gegen 9 Uhr habe ich einen Arzttermin und muss deshalb früh aufstehen. Also dann: Morgenroutine. Ölziehen, Zähneputzen, dann ein großes Glas Tee. Danach Trockenbürsten. Dieses Mal achtsamer und mit etwas mehr Druck, fühlt sich gut an. Nach der Dusche dann Kneipp-Güsse an den Beinen und Armen. Danach fühle ich mich erquickt. Viel frischer als zuvor. Ich koche mir eine kleine Portion Haferbrei und presse mir Saft aus Roter Beete, Karotte und einem halben Apfel. Das Frühstück genieße ich sehr und merke direkt, wie es mir Kraft gibt. Der Arzttermin läuft gut und ich wundere mich fast über mein gutes körperliches Energielevel. Allerdings merke ich auch, wie verlangsamt meine Gedanken sind. Ich laufe einfach schon auf Sparflamme.

Übrigens habe ich seit gestern Abend (unabhängig vom Yin-Yoga) drückende Schmerzen im Bereich der Brustwirbelsäule. Ich höre meinen ehemaligen Chefarzt Prof. Michalsen sagen „In den ersten zwei Fastentagen kommen die Schmerzen verstärkt, die man sonst auch von sich kennt“. Gut, also milde Gymnastikübungen und Wärmflasche an den Rücken. Drüber-Atmen.

Sebastian und ich trinken am Vormittag noch ein Glas Saftkrautsaft für die Darmentleerung. Tipp: Nase zuhalten! Danach haben wir ein flaues Gefühl im Magen. Bald zeigt der Sauerkrautsaft Wirkung.

mittags

Beim Kochen des Mittagessens läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Der Geruch vom Pfeffer, die Kräuter, die Farbe des Curcuma… Beim Essen allerdings wieder: Das Salz, ergo der Geschmack, fehlt. Eine gute Sache hat das ganze ja: Hinterher werde ich alles noch intensiver schmecken. Ich esse wieder achtsam. Nach dem Brei löffle ich den Saft und genieße das Mundgefühl des frischen Karottensafts. Nach dem Essen fühle ich mich müde. Im Leberwickel schlafe ich ein.

Nachmittags fahre ich mit dem Rad zu einer Freundin. Ich bin erstaunt, wie gut mir das Radfahren tut und wie leicht es mir fällt. Und eine wunderbare Sache merke ich auch: Meine Lunge macht gut mit. In den letzten Wochen habe ich meine Pollenallergie wieder stärker gemerkt, auch meine Lunge hat sich bemerkbar gemacht. Seit dem Entlastungstag allerdings spüre ich meine Lunge nicht mehr (und so soll es ja auch sein). Fasten erleichtert also nicht nur meinen Körper, sondern auch meine Lunge. Wie schön!

abends

Zurück von meiner Freundin bereiten Sebastian und ich das Abendessen vor. Für ihn wieder Brühe und Saft. Für mich oben genannte Köstlichkeit. Wie gut die Kartoffeln und der Mangold geschmeckt haben! Und das ganz ohne Salz. So langsam komme ich wohl in Fahrt :). Wir machen nach dem Essen noch einen Spaziergang an den Griebnitzsee. Abermals sagen wir uns hier, wie froh wir sind, diese Fastenerfahrung gemeinsam zu erleben. Das ist eine ganz besondere Energie als fastendes Paar. Kann ich nur empfehlen 🙂

3. Fastentag, 10. April 2021

Mahlzeiten:

Frühstück:

100 g Haferbrei (enthält 25 g Haferflocken)

200 ml Gemüse-Obstsaft (Karotte, Sellerie, Apfel)

ca. 190 kcal

Mittagessen:

115 g Kartoffeln

130 g gedünstetes Gemüse (Mangold, Fenchel, Zucchini)

1 TL Olivenöl

100 ml Gemüsesaft (Spinat-Gurke-Fenchel-Ingwer)

ca. 180 kcal

Abendessen:

100 g Kartoffeln

60 g gedünsteter Fenchel

100 g gedünsteter Spinat

100 ml Gemüsesaft (Rote Beete, Fenchel, Karotte)

ca. 190 kcal

+ 2-3 Liter Kräuter-Tee/Wasser

Tagebucheintrag:

morgens

Wieder habe ich ganz wirre Träume, an die ich mich morgens allerdings nicht mehr erinnern kann. Auch Sebastian hatte eine unruhige Nacht mit Träumen. Das ist während des Fastens normal. Die Träume werden lebendiger und das Schlafbedürfnis weniger. Wobei wir letzteres nicht für uns behaupten können. Letzte Nacht schliefen wir insgesamt neun bis zehn Stunden, das sind für mich rund drei Stunden mehr als sonst. Beim Aufstehen habe ich leichte Kopfschmerzen, fühle mich sonst aber ganz gut. Wieder Morgenroutine. Die fällt mir inzwischen sehr leicht und ich genieße es richtig, meinen Körper zu pflegen. Meine Haut ist trockener als sonst, das fällt mir auf. Sebastian setzt Fastentee auf und wir bereiten das Frühstück vor. Beim Essen des Haferbreis bemerke ich alle Nuancen des Hafergeschmacks: leicht nussig, schön getreidig, sämig, auch süßlich. Er gibt mir ein wohliges Gefühl im Magen. Auch der Saft haut mich förmlich vom Hocker: Karotte-Sellerie! Abgefahrene Kombi! Macht richtig Spaß zu löffeln :). 

Anschließend fahren Sebastian und ich mit dem Rad auf den Wochenmarkt. Wir kaufen eine Gurke, eine Fenchelknolle, eine Tüte Spinat und ein paar Äpfel (u.A. fürs Fastenbrechen). Die verschiedenen Gerüche auf dem Markt machen mir inzwischen garnichts mehr aus. Einzig das frisch gebackene Brot riecht verlockend…

Sebastian und ich fühlen uns fit und merken, wie gut uns die Bewegung tut. Zu Hause angekommen sind wir richtig aktiv. Erledigen Dinge im Haushalt, bringen Altglas weg. Diese Dinge fallen uns leicht. Ich bemerke nur, wie vergesslich ich werde. Ist das schon die Fastendemenz?

mittags

Wenn mir vor ein paar Tagen jemand gesagt hätte, dass gedünstetes Gemüse ohne Salz und Gewürze so gut schmeckt, ich hätte es ihr/ihm nicht geglaubt. Besonders an gedünstetem Mangold habe ich gefallen gefunden. Dieser herb-bittere Geschmack tut mir so gut! Unser Mittagssaft war ein Experiment. Aber in Zukunft bleiben wir wohl bei unseren Standardgemüsen Rote Beete, Karotten, Fenchel und Sellerie. Nach dem Essen Leberwickel, dabei wieder einschlafen. An diese Art der Mittagsruhe könnte ich mich gewöhnen

Am Nachmittag fahren Sebastian und ich an den großen Wannsee und spazieren dort im Wald die Hügel auf und ab. Sowohl er als auch ich fühlen uns fit, leicht und gut. Auf dem Heimweg kommt ein kleines Hungergefühl auf. Das lässt sich aber gut wegtrinken. 

Ich glaube, ich bin gut im Fasten angekommen!

abends

Das Abendessen konsumieren wir weniger achtsam als sonst. Ich merke es im Bauch, denn da liegen die Kartoffeln und das Gemüse schwerer als sonst. Dennoch ist der Hunger gestillt. Das ist gut.

Sebastian und ich spielen nach dem Abendessen „der Quacksalber von Quedlinburg“. Ich lese die Regeln vor. Sebastian hat ständig Verständnisfragen. Darüber amüsiere ich mich, denn offenbar hat auch er eine Fastendemenz :).

hier geht’s weiter zu Teil 2 von 2

13.06.2021

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